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Kurzgeschichte

Diese Kurzgeschichte habe ich vor ein paar Jahren, als ich in Paris gewohnt habe, als Wegbeschreibung für Freunde geschrieben. Also, wer will kann mal versuchen den Weg zu meiner Wohnung nachzuvollziehen.

Braunes Pulver für Paris

Als er aus einem der zahlreichen Ausgänge am Aeroport Charles de Gaulle 1 kam, hatte er einen von diesen ausgebuchten Flügen hinter sich, bei denen man immer das Gefühl hat der Nachbar sitzt einem auf dem Schoß. Gerade erst hatte er in Deutschland einen besonders schwierigen Fall abgeschlossen, bei dem einer Gesellschaft ein paar Läuse ins Gehege gekommen waren. Nun war er auf dem Weg nach Paris um einen neuen Klienten zu treffen.

"Verdammt!" dachte er, irgendwo hier muss doch der kostenlose Shuttle-Bus zum RER-Bahnhof abfahren. Vielleicht hätte er auf dem Flug doch nicht soviel trinken sollen. Überhaupt hätte er einiges in der Vergangenheit anders machen sollen, dann wäre er jetzt vielleicht nicht mit dem Päckchen in der Hand auf dem Weg nach Paris. Aber das war nicht der Moment für Selbstmitleid. Wichtiger war jetzt weiterzukommen. Als er schon glaubte sich verlaufen zu haben, konnte er endlich die Schrift auf der Hinweistafel erkennen: "Navette aux Gare RER". Er nahm den nächsten Bus und lies sich von der Computerstimme die unermüdlich den nächsten Halt ankündigte einlullen.

Am Bahnhof kaufte er sich ein Ticket für die RER und die Metro, auch wenn der Typ hinter dem Schalter eine Weile brauchte, bis der den zugegebenermaßen stark akzentuierten Satz "Une billet pour la RER a Paris avec Metro" verstand. Und der Preis von 43,50 FF war wohl schon mal ein Vorgeschmack auf die Preise in Paris. Wenn der Klient am Telefon nicht so ängstlich geklungen hätte, dann wäre er vermutlich geradewegs in den nächsten Flieger zurück eingestiegen. So aber kämpfte er sich durch das Gedränge an der Sperre und suchte sich den richtigen Bahnsteig. "Linie B" lautete die Anweisung, aber welcher Zug und welches Gleis wusste er nicht. Lediglich, dass er an der Station "Denfert Rochereau" umsteigen musste. Aber man nannte ihn nicht den zweiten Phillip Marlowe, nur weil er genauso viel trank. Blitzschnell hatte er gemerkt, dass keiner das System verstand. Das Einzige, auf was die Leute sich verließen, waren die Anzeigetafeln auf den Bahnsteigen, die jeden Halt des nächsten Zuges anzeigten. Also stieg er in einen von diesen rollenden Massentransportern der angeblich in "Denfert Rochereau" halten sollte ein.

Als er die nächsten 40 Minuten eng gequetscht auf seinem Sitz verbrachte, dachte er darüber nach, seine Spesensätze zu erhöhen und in Zukunft ein Taxi zu nehmen. Aber andererseits hatte der Kunde ihm dringend empfohlen mit der Bahn zu fahren, weil alles andere am Freitag Abend im Stau steht. Darin war Paris kein bisschen anders als alle anderen Großstädte dieser Welt. Er war ziemlich tief in diese Gedanken versunken, und hätte so um ein Haar "Denfert Rochereau" verpasst. Diese modernen Züge halten ja gerade mal lange genug um den Namen der Station auf den Wandtafeln zu lesen. Also raus aus der Schnellbahn und rein ins Labyrinth der Metro.

Er liebte diese Metro. Die Linie M4 war durch einen von diesen endlos langen Gängen, die gefüllt sind mit warmer Luft und den Gesängen der U-Bahn Musiker, zu erreichen. Außerdem liebte er das herrlich einfache System, mit dem man seinen Zug hier findet. Linie M4, Richtung Porte d'Orleans. Die Endstation war gleichzeitig sein Ziel, das machte die Sache besonders einfach. Es dauerte noch keine Zigarettenlänge, bis die nächste Metro kam. Er überlegte einen Moment, ob er lieber zu ende rauchen, oder den Zug nehmen sollte. Er entschied sich für den Zug. Der Kunde schien echt nervös gewesen zu sein. Drei Stationen und einige Gedanken zum Thema Taxi später war der Zug an seiner Endstation angekommen. Zumindest stiegen plötzlich alle Leute aus, und aus dem Lautsprecher kam ein schneller französischer Satz.

Entsetzt betrachtete er die vielen Tafeln, die einen zu irgendwelchen Ausgängen führten. Normalerweise ging er einfach auf den nächsten "Sortie" zu, aber diesmal wollte er nicht irgendeinen. Er wollte den, der auf den Boulevard Jourdan, Cote des Nos Pairs führt.

Nach ein paar Treppen und einigen Metern Gängen hatte er ihn endlich erreicht. Oben, am Ende der Treppe, wendete er um 180 Grad und lief den breiten Bürgersteig in die entgegen gesetzte Richtung weiter. Vorbei an der Bar "Le Paris Eclair" und einem Blumengeschäft. Vor der Bar zögerte er ungefähr solange wie man braucht um einen Whiskey in einem Zug zu trinken. Aber er wusste, dass es im Augenblick dringenderes gab. Also wandte er sich ab, und ging auf die nur 30 Meter entfernte Querstraße zu, bei der es sich um die Rue du Pere Corentin handelte.

Die Nummer 75 zu finden war ein Kinderspiel, es war gleich das zweite Haus auf der rechten Seite. Nur die Tür stellte ein kleines Problem dar. Sie war mit einem von diesem Codeschlössern gesichert, angeblich um Penner und anderes Gesindel abzuhalten. Und weit und breit keine Klingel. Früher hatte er nie etwas vergessen, aber der harte Job in den letzten Jahren hatte ihm ganz schön zugesetzt. Beim Kunden anzurufen und zu gestehen, dass er den Code vergessen hatte, das verbot ihm der Berufsethos. Also stellte er sich unauffällig zwischen zwei geparkte Autos in der Nähe des Eingangs und wartete. Es dauerte noch keine Minute bis eine ältere Frau mit ihrem Hund in das Apartmenthaus ging. Er überholte sie mit einem lauten "Bon Soir Madame" auf den Lippen und nahm die "45381" die sie als Code eingab, sozusagen noch als Zugabe mit. Im Flur wandte er sich zielstrebig in Richtung der ersten Tür nach links. Er quetschte sich in den engen Fahrstuhl und drückte die Taste für den 6. Stock.

Oben angekommen näherte sich seine Mission dem Ende. An der zweiten Tür links stand in kleinen Buchstaben der Name den er suchte. Er drückte die Klingel, und noch bevor er den Knopf wieder losgelassen hatte, wurde die Tür geöffnet und ihm das Päckchen das er herbringen sollte aus der Hand gerissen. Eine Quittung war bei solchen Waren nicht üblich, also betrachtete er in diesem Moment den Auftrag als erledigt. Er würde nach ein paar höflichen Worten runter in die Bar gehen und einen auf das Pfund "Dallmayr Prodomo" trinken, das er eben abgeliefert hatte.


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